Reutlinger Nachrichten

21.09.2011 10:05

Saisonstart der Reutlinger Philharmonie

Die Listhalle samt Parkhäusern platzte bei dem Andrang aus allen Nähten; gut, dass die neue Stadthalle als Silberstreif am Horizont leuchtet.

Auch musikalisch ging die Sonne auf; mit der "Helios"-Ouvertüre von Carl Nielsen hatte Chefdirigent Ola Rudner ein skandinavisches Werk für den Auftakt der Konzertreihe gewählt, das kaum bekannt, aber effektvoll angelegt ist. Da hebt sich aus nächtlicher Stille heraus die Sonne als strahlender Orchesterklang, Streicher und Bläser wetteifern in Klangbildern, bis - ganz sacht - das Licht verlischt.

Für das zarte Dämmerlicht legten die Hörner hauchdünne Klangschichten übereinander - ein heikler Anfang, zumal in der Unruhe des Saals, der nicht ganz so souverän und stimmungsvoll gelang, wie es zu wünschen war. Auch mit dem grandiosen Auf- und Abstieg des tönenden Himmelsgestirns, so plastisch er gestaltet wurde, fand das Orchester noch nicht ganz zu seiner üblichen Form. Die erreichte es im ersten Satz von Ludwig van Beethovens 1. Sinfonie, wo sich die Musiker spürbar zu Hause fühlten.

Die Musik des großen Klassikers war in den vergangenen Jahren etwas vernachlässigt worden - "Endlich wieder Beethoven!", freute sich mancher. Zu Recht: So wie Ola Rudner und die Seinen das Geschehen mittels Bewegungsimpulsen und scharfen Akzenten rhythmisch vorantrieben und zugleich lyrisch-gefühlvoll auskosteten, konnte man Beethovens Sinfonie-Erstling zwar nicht neu, doch inspirierend erleben. Besonders genussreich geriet der ruhige zweite Satz, den die Musiker mit duftiger Klanglichkeit und untergründiger Spannung versahen und bis ins Kleinste auskosteten, blitzsauber und heißblütig der Finalsatz, der das Beethoven-Zitat vom "Feuer aus dem Geist" wachrief. Mit Frank Peter Zimmermann war ein prominenter Künstler zu Gast, der das Klischee vom "Star" oder "Teufelsgeiger" eher verweigert als bedient. Nicht seine unglaubliche Virtuosität oder die makellos berückende Tonschönheit stehen bei ihm im Vordergrund, sondern die Musik.

In diesem Fall war es Beethovens berühmtes Violinkonzert D-Dur - ein groß dimensioniertes sinfonisches Werk lyrischen Charakters, das leicht zum seligen Dehnen verleitet. Mit äußerster Bewusstheit und Sensibilität gingen es Solist und Orchester gemeinsam an, unprätentiös ordnete sich Zimmermann dem Orchester unter, wo dies geboten war, und legte geigerische Seidengirlanden um den kantablen Fluss der Motive.

Sein Spiel fasziniert nicht durch Kraft, sondern - vor allem in extremer Höhe - durch eine Leichtigkeit der Bogenführung, die dem singenden Ton Raum gibt zu vielfältig nuancierender Gestaltung. Ausdruckstiefe wird nicht mittels Druck suggeriert, sondern durch Freiheit in Bogenführung und Klanggestaltung verwirklicht.

Die lyrischen Längen des Beethoven-Konzerts wurden so zu einem abwechslungsreichen Spiel der Gedanken und Gefühle, fast wie frei improvisiert, Intensität und verinnerlichte Konzentration ließen nie nach, schlüssig und straff wurde das Material unauffällig geordnet.

Atemlos verfolgte das Publikum die äußerste Delikatesse, mit der der süße Geigenton sich in höchste Höhen verstieg und die Freiheit dort auskostete, bis das Orchester wieder dreinfuhr und ihn im Finalsatz auf den Tanzboden zum fulminanten Kehraus holte.

Lang anhaltender Jubel erwirkte eine mit angehaltenem Atem verfolgte Bach-Zugabe (das Andante aus der Sonate a-Moll) - Musik aus der Stille heraus.

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