FUGATO – 10 Fabeln und 1 Requiem für Orchester und Erzähler

Ferienworkshop November 2016

Donnerstag, 29. Juni 2017, 19 Uhr (Vorprogramm ab 17.30 Uhr)
Stadthalle Reutlingen
FUGATO – 10 Fabeln und 1 Requiem für Orchester und Erzähler

Ein großes Musikprojekt der Württembergischen Philharmonie Reutlingen mit jugendlichen Flüchtlingen
In Zusammenarbeit mit Trimum. e.V.

Fugato-Ensemble und -Solisten
Württembergische Philharmonie Reutlingen
Bernhard König, Komposition und Projektleitung
Alon Wallach, Arrangeur
Thomas Herzog, Leitung


Zusammen mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika entstanden in zahlreichen Begegnungen mit Orchestermitgliedern Texte und Musik, die Komponist Bernhard König in seine Fabeln aus der Welt der Töne fließen ließ: Da sind Töne, die in ihrer Heimat nicht mehr geduldet werden und sich auf den Weg machen. Umgekehrt klingelt es am anderen Ende der Welt an einer Haustür und die Bewohner sehen sich plötzlich mit ebenso ungebetenen wie unbekannten Klängen konfrontiert …
Poetisch und kraftvoll, berührend und beeindruckend ist das Ergebnis dieser intensiven, monatelangen Zusammenarbeit, bei denen sich die WPR-MusikerInnen von den Geflüchteten in deren Musiktraditionen ebenso haben einweihen lassen wie umgekehrt!

Der Ursprung:

Was können wir tun? Ist es möglich, über die Grenzen der Kulturen und Religionen hinweg miteinander zu musizieren, ohne dabei die kulturellen Unterschiede und Differenzen aus dem Blick zu verlieren? Diese Frage stellten sich Orchestermitglieder der WPR und zur gleichen Zeit auch die Förderer und Akteure von Trimum.

Gemeinsam sind die Württembergischen Philharmonie und die Vordenker von Trimum diesem Impuls nachgegangen: Einen Beitrag zum aktuellen Geschehen leisten zu wollen - und zugleich die Tatsache ernst zu nehmen, dass wir noch keinen fertigen Plan, keine fertige Antwort darauf haben, wie dieser Beitrag aussehen kann.


Fragende Grundhaltung
Welche Rolle kann Musik spielen, wenn Menschen gerade erst einer existentiellen Notlage entkommen sind, ihre Heimat und oft auch ihre Familie verloren haben und nun in fremder Umgebung, unter den erschwerten Bedingungen eines unsicheren Rechtsstatus', eine neue Existenz aufbauen möchten? Was bewegt und beschäftigt sie, was sind die Themen, denen mit musikalischen Mitteln eine Stimme gegeben werden könnte? Hilft es ihnen, dem was sie erlebt und erlitten haben, eine künstlerische Form und einen musikalischen Ausdruck zu geben? Kann die Musik ihrer Herkunftskultur zur Stärkung ihrer kulturellen Identität beitragen? Oder möchten sie sich neuen Themen, neuen Melodien und Klängen zuwenden und das Erlebte hinter sich lassen? Als Initiatoren des Projektes wollen wir diese Fragen nicht alleine beantworten. Statt uns vorschnell auf den einen oder anderen Weg festzulegen, machen wir uns zusammen mit unseren Mitwirkenden auf die Suche: Mit rund 70-80 jungen Männern und 15-20 Frauen, die zum größten Teil aus Afghanistan, teilweise auch aus anderen Ländern stammen und erst seit wenigen Monaten eine Bleibe in Reutlingen, Tübingen oder Esslingen gefunden haben. Statt von einer vorab definierten Zielvorgabe auszugehen, die einseitig unser eigenes Kulturverständnis fortschreibt, entwickeln wir unsere künstlerischen Ziele in einem behutsamen Prozess des Kennenlernens und der Annäherung, begleitet durch interkulturelle Vermittler und intensiv unterstützt durch zahlreiche Akteure der lokalen Flüchtlingshilfe.


Orchester als Zukunftslabor
Die Württembergische Philharmonie Reutlingen (WPR) betrachtet die Begegnung mit jungen unbegleiteten Flüchtlingen im Rahmen von Fugato als Chance für ein wechselseitiges, ergebnisoffenes Lernen. Musik ist nicht statisch, sie hat sich Lauf ihrer Geschichte immer wieder aus der gegenseitigen Befruchtung unterschiedlicher Traditionen weiterentwickelt. Zur Zeit können wir miterleben, wie die Bevölkerungsstruktur unseres Landes sich verändert und dadurch auch seine Musikkultur durch neue Elemente bereichert wird. Die WPR möchte diesen Veränderungsprozess aktiv mitgestalten. Auch aus diesem Grund beschränkt sich die praktische Arbeit nicht auf herkömmliche Angebote zur Begegnung und Auseinandersetzung mit europäischer Orchestermusik. In einem afghanischen Chorworkshop können jugendliche unbegleitete Flüchtlinge im Rahmen von Fugato, angeleitet durch einen Fachmann, die traditionelle Musik ihres Herkunftslandes kennenlernen. Manche Mitwirkende werden zusammen mit Musikerinnen und Musikern des Orchesters musikalische Improvisationskonzepte ausprobieren, andere werden in einer Textwerkstatt eigene Gedichte, Prosa- und Songtexte in afghanischer und deutscher Sprache verfassen. Wieder andere werden das Workshopgeschehen dokumentieren und dabei vom Zentrum für Medienkompezen der Universität Tübingen unterstützt.


Veränderungen mitgestalten
Zugleich versuchen wir, mit künstlerischen Mitteln auf Wünsche und Aufgabenstellungen zu reagieren, die von den Geflüchteten selbst, von ehrenamtlichen oder professionellen Helfern an uns herangetragen werden. Das Team, der Chor und die Ensembles von Trimum haben in den zurückliegenden Jahren unter Beweis gestellt, dass Juden, Christen und Muslimen sich auch in spannungsvollen und unfriedlichen Zeiten in der Musik begegnen können. Voraussetzung dafür ist eine wechselseitige Offenheit für die Themen und Sichtweisen der anderen. So fragen wir auch bei Fugato: Welchen aktuellen Befindlichkeiten kann mit musikalischen Mitteln eine Stimme gegeben werden? Wie kann Musik dem Prozess des Ankommens, Sich-Zurechtfindens und Kennenlernens, der Begegnung und Integration dienen?
Ein erstes Beispiel für diesen »bedarfsorientierten« Ansatz ist das Video »Ein Lied für Dublin«. Es entstand im Juli 2016 binnen zweier Tage als spontane künstlerische Reaktion auf den aktuellen Fall einer Abschiebung auf Grundlage des »Dubliner Übereinkommen« zur Drittstaatenregelung bei Asylanträgen. Für einige Akteure der Theatergruppe Stage Divers(e) & United Unicorns ist die mögliche Abschiebung in einen solchen »sicheren Drittstaat« ein ständig präsentes Zukunftsszenario: Nicht zu wissen, ob das derzeitige Umfeld auch in einigen Tagen noch Schutz und Beheimatung bieten wird. Womöglich schon bald wieder das Land und die Stadt verlassen zu müssen, in der sie ihre Theaterstücke entwickeln, Workshops geben und das Kulturleben bereichern. Das Video entstand kurz nach der Abschiebung eines besonders engagierten Mitspielers. Was können wir tun? Manchmal vielleicht nur dies: Aktueller Ohnmacht und Bedrückung eine Stimme geben.


Fremdheitsgefühle und Musik
Der Name unseres Vorhabens, »Fugato«, ist ein Fachbegriff aus der klassisch-europäischen Musik. Ein »Fugato« ist ein Musikstück, in dem verschiedene Stimmen sich aufeinander beziehen und einander imitieren, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Noch keine ausgewachsene »Fuge« nach allen Regeln der Kunst (so nennt man die sehr viel vollkommenere große Schwester des Fugatos), aber ein erster Schritt dorthin. Eine Andeutung jenes Miteinanders, das sich ergeben würde, wenn alles sich fügen würde.
In »Fugato« steckt aber auch das lateinische Wort für »Flucht«. Man kann ein Fugato auf zweierlei Weise hören: Die Stimmen fügen sich nicht nur, sie fliehen auch voreinander. Vielleicht ein Hinweis auf die zentrale Beziehungsweisheit, dass Annäherung Zeit braucht - und dass jedes gelingende Miteinander sowohl Nähe und Übereinstimmung als auch Distanz und Autonomie erfordert?
Zur Zeit wird das Thema »Flucht« überschattet durch wechselseitige Fremdheitsgefühle, durch Ängste, Irritationen, Polarisierungen und Gewalt. Was können wir tun? Im Alltag sind Fremdheit, Verschiedenheit und Dissonanzen manchmal schwer erträglich. In der Musik können sie eine Bereicherung sein. Sie können bewusst gestaltet und auf einer symbolischen Ebene spielerisch vergrößert, verkleinert oder gar überwunden werden. Miteinander Musik zu machen macht Spaß, verbindet und schafft angstfreie Räume. In einem solchen Raum Fremdheit wahrzunehmen, zu begrüßen und ihre Schönheit zu erkennen (ehe man mit allen Mitteln versucht, sie zu überwinden) - das wäre in der gegenwärtigen Situation schon viel.

Aktuelle Informationen auf der Facebook-Seite des Projektes
FUGATO bei Youtube

Akteure

Team Württembergische Philharmonie Reutlingen
Angelika Bender
Wiltrud Böckheler
Matthias Buck
Günther Fischer
Friedborg Künstner
Nastasja Nürnberger-Schmeel
Justus Ruhrberg
Jennifer Sabini
Claudia Winkler
Virginie Wong

Dokumentation
Lisa Dollenmaier
Justina Raczek
Alex K. Müller (media&more)

Projektassistenz
Astrid Edel
Lena Gerber
Kerstin Panitz
Djalal Sepas
Elena Smith

Gastreferent(inn)en
Stefanie Biesolt, Regie und Schauspiel
Judith Bomheuer-Kuschel, interkulturelle Musikpädagogik
Katinka Ulmer, Theaterpädagogik
Matias Urroz, Akrobatik und Bühnentraining
Ebrahim Cheraghi Hamoole, iranischer Gesang

Textwerkstatt
Edris Joya

Ensembleleitung
Monir Naachiz (afghanischer Chor)
Alon Wallach (Fugato-Ensemble)

Projektleitung
Gerlinde Dippon, Projektleitung und Organisation
Bernhard König, künstlerische Leitung und Konzept

Sponsoren

Wir bedanken uns für die großzügige Unterstützung von FUGATO:

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Bei unseren Sponsoren:
Bundesministerium des Innern (Förderprojekt »Weißt du, wer ich bin?«)
Caritas Schwarzwald Gäu »Aktion Sahnehäubchen«
Kulturamt der Stadt Esslingen am Neckar
Referat für Integration und Migration der Stadt Esslingen am Neckar
Robert-Beitlich-Stiftung
Stiftung Deutsche Jugendmarke
Stuttgarter Lehrhaus, Stiftung für Interreligiösen Dialog
Zukunftsstiftung Heinz Weiler


Kooperationspartner Reutlingen
BruderhausDiakonie Reutlingen
Kolpinghaus Reutlingen
Landratsamt Reutlingen (Kreisschul- und Kulturamt)

Kooperationspartner Tübingen
Deutsches Rotes Kreuz - Kreisverband Tübingen
Landratsamt Tübingen
ttg Team Training Tübingen GmbH
Universität Tübingen, Zentrum für Medienkompetenz (ZFM)
Volkshochschule Tübingen

Kooperationspartner Esslingen
BuntES Esslingen
Stage Divers(e) & United Unicorns
Kulturzentrum Dieselstraße
Türkischer Chor Esslingen
Verein Freunde jüdischer Kultur Esslingen


Weitere Kooperationspartner und Unterstützer
Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) - Landesjugendamt
Verein Hilfe zur Selbsthilfe e.V.
Pro juventa e.V.
Musikhaus Thomann

Konzept und Programmierung: Landsiedel | Müller | Flagmeyer