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COMPOSER IN RESIDENCE

Kareem Roustom (Foto: John Robson)
Kareem Roustom (Foto: John Robson)

Als Kareem Roustom beim Entdeckerabend 2018 erstmals im Studio der WPR zu Gast war und der öffentlichen Probe seines Werks „Ramal“ beiwohnte, weckte er bei Besuchern und Orchester gleichermaßen Neugier: Zu erleben war eine zurückhaltende Persönlichkeit, ausnehmend freundlich im Umgang, mit wenigen, dann aber bestimmten Hinweisen und Erklärungen zu seiner Musik. Im Gespräch offenbarten sich sofort Wachheit, Intelligenz und vor allem Interesse des 1971 in Damaskus geborenen syrisch-amerikanischen Komponisten: Interesse für die Württembergische Philharmonie Reutlingen, deren verschiedene Konzertformate und laufende Projekte und Arbeitsweise. Ein Interesse, das auf Gegenseitigkeit beruhte. Der Erstkontakt zum Komponisten war über Fawzi Haimor zustande gekommen. Der Komponist und der Chefdirigent der WPR sind sich seit langem freundschaftlich verbunden.

Von Kareem Roustom werden in dieser Spielzeit gleich drei Werke zu hören sein, zwei davon sind Welturaufführungen: Im 1. Sinfoniekonzert erklingt das zwar schon auf CD eingespielte, jedoch noch nie aufgeführte Klarinettenkonzert „Adrift on the Wine-Dark Sea“, in dem zwei Schiffbrüchigen-Schicksale thematisiert werden: das von Odysseus und das einer syrischen Geflüchteten. Im Kaleidoskop Aladdins Welt erklingt das Streichorchesterstück Dabke. Der Titel bezeichnet einen in Palästina, Syrien und Libanon beheimateten Volkstanz, der typischerweise bei freudigen Gelegenheiten aufgeführt wird.
Zudem stand zum Zeitpunkt des Entdeckerabends schon fest, dass Kareem Roustom für das Neujahrskonzert 2020, mit dem das Jubiläumsjahr zum 75-jährigen Bestehen der Württembergischen Philharmonie Reutlingen eingeläutet wird, ein Werk für Chor und Orchester schreiben würde, in Besetzung ähnlich wie Beethovens Neunte, die im gleichen Konzert erklingen soll.

Doch welchen Text würde er wohl wählen?, fragten wir uns gespannt. Schließlich ist schon bei oberflächlicher Beschäftigung mit Roustoms Schaffen offensichtlich, dass Literatur für ihn eine wichtige, vielleicht die bedeutendste Inspirationsquelle ist. Er, der die ersten dreizehn Lebensjahre in Syrien verbrachte, bevor er mit seiner Familie dauerhaft in die USA zog (die Mutter ist Amerikanerin), wuchs nicht nur zweisprachig auf, sondern tauchte auch kulturell tief in beide Sphären ein, beschäftigte sich mit traditioneller arabischer Musik ebenso wie mit Jazz, aber eben auch mit der Literatur beider Welten. In seinem Oeuvre finden sich die Textvertonungen, z.B. von alter arabischer Märchen (Abu Jmeel’s Daughter, 2011) oder arabisch-andalusischer Gedichte (That Which Is Adorned, 2007). Aber Roustom spürt auch rhythmischen Versmaßen aus arabischer Lyrik musikalisch nach, wie in Ramal für Orchester oder dem Kammermusikwerk Buhur (2008). 2018 wurde sein Chorwerk Rage against the tyrant(s) uraufgeführt – auch dies ein Plädoyer für ein friedliches Miteinander von Völkern und Religionen. Hier treffen Straßengesänge von Aufständischen im sogenannten arabischen Frühling mit einem auf die multikulturelle Vergangenheit Aleppos bezogenen Gedicht zusammen, samt Referenzen zum armenischen Volkslied und zur jüdischen Liturgie, außerdem hat ein syrischer christlich-orthodoxer Gesang Eingang gefunden.

Das persönliche Treffen mit Roustom beim Entdeckerabend bot neben der Gelegenheit des Kennenlernens auch die Möglichkeit des gegenseitigen Austausches bezüglich der deutschen Textwahl für die Auftragskomposition. Dass das Werk auf drei Texten unterschiedlicher Sprachen beruhen sollte, hatte Roustom schon entschieden. Auslöser waren dabei die beiden Verse aus der von Beethoven vertonten Ode an die Freude Friedrich Schillers, die den Gedanken der Versöhnung und das Weltverbindende besonders zum Ausdruck bringen: Seid umschlungen, Millionen./ Diesen Kuß der ganzen Welt! "Schillers Ode an die Freude gab reichlich Anlass über meine eigene Textwahl nachzudenken; einen Text, der Beethovens/ Schillers Themen über universelle Brüderlichkeit mit persönlicheren und intimeren Erfahrungen ergänzen und kontrastieren würde. Ich machte mich daran, ein Stück zu schreiben, das letztlich für sich selbst stehen würde, gleichzeitig aber die Fragen stellen sollte, die Beethovens Neunte beantwortet. Ice, Wind, War & Spring ist ein Werk, das die Gründung der Württembergischen Philharmonie Reutlingen vor 75 Jahren feiert, aber es ist auch ein Werk, das an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnert."


Zuerst stand mit Walt Whitmans berührendem Gedicht Reconciliation (Aussöhnung) der englische Text fest, bald folgte die französische Vorlage, zwei Octonaires von Antoine de La Roche-Chandieu und Simon Goulart aus dem 16. Jahrhundert. Die Wahl des deutschen Gedichtes fiel besonders schwer. Er entschied sich schließlich für Vorfrühling, ein Gedicht aus Rainer Maria Rilkes Spätwerk, geschrieben nach mehrjährigem künstlerischem Verstummen angesichts der Gräuel des 1. Weltkriegs, aber auf der Suche nach Trost im immerwährenden Kreislauf der Jahreszeiten durchaus voller Hoffnung.

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