Blick hinter die Partitur: Éric Tanguy über die Entstehung seines neuen Klavierkonzerts
Am 16. März findet in der Stadthalle Reutlingen ein besonderes musikalisches Ereignis statt: Die Uraufführung des neuen Klavierkonzerts von Éric Tanguy. Wie nähert sich einer der profiliertesten Komponisten der Gegenwart einem solch traditionsreichen Genre? Welche klanglichen Visionen prägen das neue Werk?
Ein exklusives Interview mit Éric Tanguy beleuchtet die Hintergründe der Komposition, die enge Zusammenarbeit mit der Solistin Suzana Bartal und die Bedeutung von Weltpremieren im heutigen Konzertbetrieb.
Was hat Sie dazu bewogen, sich heute – nach so vielen Jahren des Nachdenkens – der Herausforderung eines Klavierkonzerts mit Orchester zu stellen?
Im Allgemeinen ist es so, dass ich, wenn ich einen Auftrag von einem Orchester erhalte, für eine genau definierte Besetzung schreibe – entweder symphonisch oder konzertant. Vor dreißig Jahren erhielt ich beispielsweise den Auftrag zu einem Konzert für Violine und Orchester, speziell für den großartigen Konzertmeister des Orchestre de Paris, Philippe Aïche. Das Werk wurde 1997 unter der Leitung von Semyon Bychkov uraufgeführt.
Ein weiteres Beispiel: 1999 bat mich Mstislav Rostropowitsch, für ihn ein Cellokonzert zu schreiben. Er brachte es 2001 in Frankreich mit dem Orchestre National d’Île-de-France unter Jacques Mercier zur Uraufführung und spielte es anschließend 2002 in den USA mit Seiji Ozawa und dem Boston Symphony Orchestra in einer Serie von fünf Konzerten in Boston und in der Carnegie Hall in New York.
Seit mehreren Jahren arbeite ich mit Suzana Bartal zusammen; sie hat meine Musik (Solowerke und Kammermusik) bereits mehr als hundert Mal im Konzert aufgeführt. Als mir Ariane Matiakh die Ehre erwies, mich nach Reutlingen einzuladen, um dort mit der Württembergischen Philharmonie – einem großartigen Orchester – eines meiner Werke zur Uraufführung zu bringen, habe ich ihr sofort vorgeschlagen, ein Klavierkonzert zu schreiben, das von Suzana gespielt werden sollte.
Ariane, die meine Musik ebenfalls sehr gut kennt und sie großartig dirigiert, hat diese Idee sofort angenommen. Nachdem ich bereits etwa ein Dutzend Konzerte bzw. konzertante Werke komponiert hatte, erschien es mir nun ganz selbstverständlich, mich endlich einer solchen Partitur für Klavier und Orchester zu widmen. Außerdem sind Suzana und ich, wie Sie vielleicht wissen, verheiratet und haben einen wunderbaren vierjährigen Sohn: Edmond. Dieses Konzert ist daher auch etwas ganz Besonderes für uns, und es ist ein Privileg, es mit der Württembergischen Philharmonie zur Aufführung zu bringen.
Ihr Werk bewegt sich zwischen Intensität und „melodischer Sanftheit“. Welches Gefühl wünschen Sie sich, dass das Publikum in Reutlingen nach dem ersten Hören mit nach Hause nimmt?
Die Freude am Klang!
Wenn ich Musik komponiere, durchströmen mich je nach Inspiration verschiedene Empfindungen, die jedoch immer auf dieselbe Idee hinauslaufen. Unabhängig vom Charakter der gerade entstehenden Musik achte ich stets sehr auf den Respekt gegenüber den Interpretinnen und Interpreten sowie auf den idiomatischen Charakter dessen, was ich schreibe. Ich arbeite für die Musiker und niemals gegen sie, denn ich bin überzeugt, dass diese Freude am Klang auch durch die Freude am Interpretieren entsteht.
In meinen Partituren gibt es immer – selbst in intensiven oder spannungsgeladenen Momenten – eine lyrische Dominante, die durch sanftere und ruhigere Passagen ausgeglichen wird. Ich suche außerdem ein formales Gleichgewicht im Dialog zwischen Klavier und Orchester, ebenso wie in allen klanglichen Situationen, die präsentiert werden.
Aus poetischer Sicht wünsche ich mir, dass Musik ein Ort des Fragens und der Beruhigung ist. Was letztlich zählt – jenseits der modalen, harmonischen, melodischen, rhythmischen und natürlich formalen Suche – ist vor allem die Emotion!
Sie widmen diese Partitur Suzana Bartal. Hat die genaue Kenntnis ihres Spiels bestimmte Passagen des Konzerts beeinflusst?
Ja, tatsächlich.
Ich komponiere meine Konzerte immer mit einer ganz konkreten Klangvorstellung der Interpreten, für die ich schreibe. Im Fall von Suzana ist das umso offensichtlicher, da wir – neben zahlreichen gemeinsamen Konzerten – seit 13 Jahren auch das Glück des Alltagslebens teilen und eine große musikalische Verbundenheit haben. Ich habe absolutes Vertrauen in ihre Art, meine Musik zu interpretieren.
In allem, was sie spielt – auch im großen Repertoire – beeindruckt sie mich zutiefst durch ihre Musikalität, ihre Virtuosität und ihre technische Solidität. All dies führt dazu, dass ich sagen kann, ich habe dieses Werk wirklich „maßgeschneidert“ für sie geschrieben. Nun freue ich mich sehr darauf, ihre Interpretation des Konzerts mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und Ariane Matiakh zu entdecken.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Tanguy!