„Ich bin der VJ des Orchesters“
Komponist Stephan Boehme über die Uraufführung von „Zeitkreise“
Am 30. April feiert die WPR eine Weltpremiere: „Zeitkreise – Die geheime Welt der Schwäbischen Alb“. Wir haben mit dem Komponisten Stephan Boehme über 90 Minuten Musik in Rekordzeit, toxische Pilze und die Frage gesprochen, wie man die Heimat völlig neu hört.
Der Funke: Von der Linse direkt in die Partitur
Eigentlich war es ein Vermittlungsgeschäft des Intendanten: Er brachte den preisgekrönten Naturfilmer Dietmar Nill und den Komponisten Stephan Boehme zusammen. Das Ergebnis? „Ich war sofort von den Socken“, erinnert sich Boehme. Die Aufnahmen der Alb waren so inspirierend, dass die Musik förmlich aus ihm „herausspross“. Doch die Arbeit war intensiv: In nur zweieinhalb Monaten komponierte er 90 Minuten Musik – ein Kraftakt, bei dem jedes der 12 Bilder eine völlig eigene Klangwelt erhielt.
Zwischen „Sonnenherz“ und „Giftpilzen“
Boehme führt uns durch die Kapitel der Alb, die er in musikalische Überschriften gepackt hat. Da ist das „Sonnenherz“, das mit einer meditativen Ruhe beginnt und den magischen Moment beschreibt, wenn der erste Sonnenstrahl über den Gipfel blitzt.
Ganz anders die „Erdwesen“: Hier wuselt es, Ameisen und Käfer bestimmen das Tempo – Action pur auf kleinem Raum.
Besonders spannend: Das Stück über die Pilzwelten, ursprünglich „Mykosphäre“ getauft. „Pilze sind das Rückgrat unseres Ökosystems, ein intelligentes Netzwerk“, erklärt Boehme. Doch während des Schreibens schlich sich das Düstere, Toxische ein. Das Ergebnis ist das Stück „Mykonoktis“ – eine nächtliche, fast halluzinogene Klangreise.
Die Technik: Das Orchester gibt den Takt an (nicht der Computer)
Das Besondere an „Zeitkreise“ ist die Interaktion. Normalerweise spielt ein Orchester starr zu einem fertigen Film – oft mit einem Klick im Ohr, der jede Emotion bremst. Boehme hat den Spieß umgedreht:
„Ich habe tausende Film-Schnipsel gebaut. Im Konzert löse ich die Bilder live zur Musik aus. Wenn das Orchester langsamer wird, werden auch meine Bilder langsamer. Ich bin quasi der VJ, der ein Solo mit Videos spielt.“
Das Geheimnis: Das Herz öffnen
Auf die Frage, was die „geheime Welt“ der Alb eigentlich sei, hat Boehme eine einfache, aber tiefgehende Antwort: „Oft laufen wir durch die Natur und sehen gar nichts. Dietmar Nills Bilder und meine Musik sollen das Herz öffnen. Wer mit offenem Herzen durch die Welt geht, entdeckt Perspektiven, die dem normalen Spaziergänger verborgen bleiben.“